Zeitgemäße Betrachtung:
Nähe und Ferne in Zeiten von Covid-19
von Fabian Erhardt

Die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Fabian Ehrhardt „Wahnsinn“ oder „Wahrsinn“? – Zur Bedeutung informeller Wissensformen – musste leider ausfallen. Sie wird am 4. März 2021 nachgeholt.
Fabian Ehrhardt hat uns freundlicherweise aktuell eine philosophische Betrachtung zu Aspekten der Corona Pandemie zur Verfügung gestellt.

Zeitgemäße Betrachtungen

Nähe und Ferne in Zeiten von Covid-19
Von Fabian Erhardt

PhilosophInnen, welche sich dieser Tage zur Corona-Krise äußern, nehmen meist das große Ganze in den Blick, statt sich den konkreten Spuren zu widmen, die das neu entstandene Infektionsrisiko in unserer alltäglichen Erfahrung hinterlässt. Möge uns eine kleine Auswahl der unzähligen Beispiele genügen: Da melden sich SkeptikerInnen der Naturwissenschaften zu Wort, die anmahnen, dass das Sich-Verlassen auf Modelle Gefahren birgt, und uns nicht davon entlastet, moralische Wesen zu sein; es wird zu verstehen gegeben, dass die bisherige Weltordnung sich nun endgültig als obsolet erweisen wird; die Europäische Union habe nun ihr wahres Gesicht gezeigt, und könne nicht länger ernsthaft Zustimmung erwarten; endlich, so liest man vielerorts, haben die meisten das, was sie sich heimlich wünschen, nämlich einen Autokratie-Wolf im Demokratie-Schafspelz; KlimaschützerInnen werden nicht müde zu betonen, dass die Weltgemeinschaft ihr Tempo ja augenscheinlich doch drosseln könne, wenn sie nur wolle.

Hier soll nicht in Abrede gestellt werden, dass alle diese Hinsichten einen Gehalt haben, der zu diskutieren bleibt. Was aber in Abrede gestellt werden soll, ist der philosophische Sinn des Verfahrens, eine pandemische Krise als theoretisches Argument in Anspruch zu nehmen, bevor sie als individuelle wie kollektive Grenzerfahrung zu einer ersten Beruhigung gelangen konnte. Kann es sein, dass diese irgendwie richtigen, aber zum jetzigen Zeitpunkt notwendig oberflächlichen Beobachtungen kaschieren sollen, dass man zur konkreten Erfahrung einer viralen Pandemie nicht viel beizutragen hat? Für die Philosophie ist eine Krise kein Ereignis, um Theorien zu bestätigen oder zu widerlegen; für die Philosophie ist eine Krise ein Ereignis, in dem es darum geht, zu einer Beschreibung unserer Erfahrung zu gelangen, die uns dabei unterstützt, mit ebendieser Erfahrung wacher und expliziter umgehen zu können als ohne diese Beschreibung. Philosophisch informativ heisst: So unverstellt wie nur möglich die grundsätzlichsten Umrisse der Lage zu erhellen, in die wir uns unfreiwillig verstrickt finden.

Höhere gesellige Lebensformen wie der Mensch wachsen nicht einfach in eine ökologische Nische hinein, sondern organisieren die Nischen, in denen sie sich bewegen. Ökologische Nischen werden so zu den menschlichen „Innenräumen“ unseres alltäglichen Lebens: Eine Bäckerei ist ein spezifisch gestalteter Innenraum, in dem man sich einfindet, um Backwaren zu erwerben; ein Spielplatz ist ein spezifisch gestalteter Innenraum, den man aufsucht, um zu spielen; ein Bus ist ein spezifisch gestalteter Innenraum, der für seine Mobilität geschätzt wird; aber auch eine Freundschaft ist in diesem Sinne ein spezifisch gestalteter Innenraum, in dem sich Menschen auf besondere Weise füreinander interessieren. Diese Innenräume ordnen sich auf einer Skala von relativer Nähe und relativer Ferne an: der familiäre Innenraum ist uns sehr nah, der berufliche Innenraum meist etwas weniger nah, der stadtbürgerliche Innenraum oft schon bedeutend ferner, der staatsbürgerliche Innenraum vielen erstaunlicherweise wieder etwas näher. Diese geteilten Innenräume sind das evolutionäre Erfolgsrezept des Menschen gegen Gefahren von außen, Gefahren wohlgemerkt, die in zahlreichen Fällen von einem „Außen“ auf ein „Innen“ zukommen. Nicht das Virus: Es „zerspringt“ regelrecht, in zahlreichen Innenräumen auf einmal, oder zumindest in schneller zeitlicher Abfolge. Zügig wird unklar, welche Innenräume noch virenfrei sind, und welche nicht.

Das, was uns für gewöhnlich Sicherheit bietet – geteilte Innenräume – entpuppt sich als größte Gefahrenquelle, unsere „Achillesferse“: Jeder Innenraum ist potenziell Ansteckungsraum. Niemand, der diese Tage sein eigenes Husten, das Husten eines Familienmitglieds, oder das des Nachbars im Garten nicht argwöhnischer und sorgenvoller bemerkte als sonst. Die Gefahr kommt nicht von außen, sie ist immer schon innen angekommen, unklar ist nur, bis in welches Innen sie schon fortgeschritten ist. Wir verfügen nur über zwei effektive soziale Praktiken, die ohne medizinische Infrastruktur gepflegt werden können: Hygiene und Distanznahme. Aber trotz ihrer Unerlässlichkeit bleiben Lücken, Löcher der Unsicherheit in den Innenräumen, in denen wir doch sonst unsere Routinen, unseren Rückzug suchen und finden. Mit anhaltendem Anstieg der Infektionen flimmern diese Löcher aufdringlicher, die nicht zu tilgende Unsicherheit macht sich mal als erlebte Wahrscheinlichkeit, infiziert zu sein, mal als erlebte Unwahrscheinlichkeit, schon infiziert zu sein, geltend.

Diese radikale Krise unserer Näheroutinen stellt uns vor immense Probleme: Welche Innenräume können ansteckungsfrei gehalten werden? Sicherlich nicht alle, und außerhalb familiärer und individueller Innenräume wohl zunächst auch nicht viele. Menschliche Nähe, das Medium, in dem wir uns bewegen wie Goldfische im Wasser, wird zum allgemeinen Verdachtsfall -innerhalb weniger Tage und Wochen vibriert in den Winkeln unserer Erfahrung die diffuse, aber reale Möglichkeit einer SARS-CoV-2-Infektion durch nahezu alle Formate menschlicher Nähe. Selbst SpaziergängerInnen auf Waldwegen spüren eine mehr oder weniger subtile Erleichterung, nachdem die Meter des Aufeinander-Zugehens vorbei sind, und man einander mit gebührendem Abstand endlich passiert hat. Nach allem, was wir bisher wissen, könnte jede/r auf eine Weise erkranken, die eine Behandlung erfordern würde, die je nach Zeitpunkt wegen Überbeanspruchung dieses Behandlungstyps nicht verfügbar ist – mit jeweils unabsehbaren Folgen. Nach bisherigem Stand kann das jeden treffen, außer Kinder. Empfindliche Bereiche menschlichen Lebens sind von der hierdurch drohenden und in Teilen bereits erfolgten „Vernichtung des Beziehungsraums“ (Peter Sloterdijk) besonders betroffen: Zahlreiche Covid-19-PatientInnen sterben auf Isolierstationen, umhüllt von geschäftiger, maskierter Anonymität; Sterbebegleitung und Angehörigenbesuche können auch bei anderen Todesursachen kaum mehr gewährt werden; Frauen gebären ohne Angehörige.

Unser soziales, unser mentales Immunsystem ist dadurch gezwungen, sich auf eine Unmöglichkeit einzustellen: die Übergangsräume von Leben und Tod zu beseelen, ohne sie als Innenräume zu gestalten, die betretbar sind. Da wir das häufig nicht schaffen werden, bedarf es einer Ethik des Leidens, des Scheiterns, der Unfähigkeit, des Schuld-Aushaltens. Wir werden nicht imstande sein, irreparable Trennungskatastrophen zu vermeiden. Die namenlose Macht des viralen Roulettes wird viel zu viele mit einer Gewalt treffen, die sich nicht in eine Sinnerfahrung übersetzen lässt. Diese pandemischen Grausamkeiten der Zerstörung des Vertrauens in unsere Innenräume, der Sperrung unserer Übergangsräume, der unvermeidlichen Näheverbote beim ersten wie beim letzten Geleit, sie alle werden es uns abverlangen, das Unerträgliche über das übliche Maß hinaus zu ertragen. Sich das bewusst zu machen, hat mit Resignation nichts zu tun; vielmehr ist die Einsicht, uns von diesem Leid nicht emanzipieren können, eine der wenigen Optionen, uns darauf vorzubereiten, Depression und Stagnation auszuhalten, ohne unter ihrer Last zu zerbrechen.

Das ist unfassbar schwierig, keine Frage. Wir alle merken unseren Blicken, unserer Scheu, unseren Ausweichinstinkten, unseren Zuckungen zur Selbstbevorteilung an, wie „besetzt“, wie „aufgeladen“ das Virus ist. Jede/r lernt gerade die Scham kennen, die damit verbunden ist, andere reflexhaft zu verdächtigen; jede/r spürt seine persönliche Angst, wider Erwarten selbst schuldig zu sein, das Virus zu tragen und zu verteilen, unter Umständen bis zu jemand, der es nicht verkraften wird. Jede/r hat sich wohl schon einmal der Vorstellung hingegeben, plötzlich in einem überfüllten Krankenhaus inmitten überlasteten Personals um das eigene Leben zu ringen, in völliger Unsicherheit, die Liebsten, das Sonnenlicht, das eigene Zuhause nochmal wiederzusehen. Die eigene Verwundbarkeit mit solch’ erbarmungsloser Wucht vor Augen geführt zu bekommen, ist eigentlich zu anstrengend für uns. Der Mensch funktioniert auch deshalb, weil er sich von dieser Verwundbarkeit erfolgreich ablenken kann. Das geht vorerst nicht mehr. Wir sind wieder darauf zurückgeworfen, die zu sein, von denen die alten Mythen und religiösen Erzählungen künden: Sterbliche, vom Schicksal Gebeutelte, von Ungewissheit Umhüllte, in ihre endlichen Grenzen Gewiesene. Damals wie heute schämen wir uns ob unserer eigenen Verwundbarkeit, damals wie heute ist uns der andere als derjenige suspekt, der uns den entscheidenden Stoß über die Planke geben könnte.

Die Spielräume, die wir für unsere Trauerarbeit normalerweise nutzen, fehlen auf unbestimmte Zeit. Wir werden die endgültige Entfernung eines so wichtigen Anderen ohne die Option einer letzten Nähe verwandeln und integrieren müssen. Wir müssen darüber nachdenken, was das für uns bedeutet: wie wir das furchtbare Unerwartbare aufnehmen, ohne in seinen Bann zu geraten; wie wir der grenzenlosen Entferntheit eines Todesfalls auf der Isolierstation eine menschlich zuträgliche Abmessung geben, ohne zu verdrängen, ohne aufzugeben. Sind wir imstande, die Möglichkeit von Nähe von der Wirklichkeit geteilter Innenräume zu entkoppeln? Werden wir imaginative und symbolische Wege entdecken, Lebende, Sterbende und Tote innerhalb eines Horizonts zusammenhalten, um dem Trauma von der Schippe zu springen? Hoffnung ist der unbedingte Wille zur Kultur, und das bedeutet hier: Zeichen finden, die den Fern-Nähe-Raum für die Zurückbleibenden wie auch für die Hinübergehenden weiterhin markieren – ohne einen Zwischenstopp in Schutz- und Übergangsräumen einlegen zu dürfen.

Unsere mentalen und sozialen Immunsysteme aus dem Geist der Seuche zu konfigurieren bedeutet, trauer- wie freudekulturelle Kraft auch unter widrigsten Umständen zu entwickeln. Auf beispiellose Weise von unseren furchterregenden wie bewundernswerten, zutiefst menschlichen Vermögen Gebrauch machen: den Tod des Nächsten zu bewältigen, und Stimmungen zu erzeugen und zu verbreiten, die besser sind als die Lage. Viel zu oft ohne Gegenwart der Leiber, doch in Präsenz der Seelen. In Abwesenheit bekannter Innenräume und ihrer haltgebenden Rituale müssen wir auf unbestimmte Zeit pluralistisch, fragmentarisch, experimentell verfahren. Gerade für ältere MitbürgerInnen ist dies eine unzumutbare Belastung und Verunsicherung. Doch auch wenn das Virus die Gemeinschaft traditioneller Handhabe zeitweise zersetzt, besteht die Gemeinschaft der Erschütterten notgedrungen fort – ohne Fatalismus, ohne Glorie. In dieser Solidarität der Erschütterung offenbart sich, worum es im Leben und im Tod geht, und es ist das Dunkle der Erschütterung, aus welchem Risse der Erleuchtung aufflackern, ohne deshalb sofort die Nacht in einen Tag zu verwandeln. Jedes Flackern ist wertvoll und wegweisend, wenn es einer Einheit von Information und Animation Ausdruck verleiht, wenn es den Hang zur Hingabe an das Unglück sabotiert, um die Sache der Intelligenz, um die Sache der Herzlichkeit vor ihrer Preisgabe zu schützen.

Keine Kerze, kein Gebet, kein Gedanke, kein inneres Bild, kein Gespräch, keine Träne, für geliebte wie unbekannte, nahe wie ferne Menschen, die von Covid19 betroffen sind, ist umsonst. Jedes Lächeln, jede respektvolle Geste auf Distanz kommt an. Wir beseelen Räume, aber die Seele selbst ist nicht räumlich. Getragen von dem Ernst einer umfassenden Verantwortung vor dem Fortgang des Lebens, wird es sich als unumgänglich erweisen, von unserem Naturrecht auf Aufheiterung Gebrauch zu machen, mit dem Vorsatz, uns der Regeneration des zerfallenden Lebens zu widmen, ohne zu beschönigen, dass sich die Lebensgefühle vieler Menschen derzeit im freien Fall befinden. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass kleine Botschaften diskreter Erfolge das symbolische, ästhetische und moralische Klima ebenso mitbestimmen wie die Notwendigkeit, unser Unverankertsein in einer eigendynamischen Realität zu akzeptieren, die wir nicht abzuschütteln imstande sind. Das ist keine Theorie großer Fragen, das ist eine Praxis kleiner Schritte.

Fabian Erhardt, der Autor dieses Textes, ist ein Philosoph aus Tübingen.
Er ist überzeugter Phänomenologe und Verfechter der Idee einer Philosophischen Praxis, deren Maßstab die konkrete Fülle menschlicher Erfahrung ist.

 

© Dr. Thomas Opitz. Alle Rechte vorbehalten

Fotorechte: Fabian Erhardt